Brandstifter - Die Asphaltbibliotheque

Diese Galerie zeigt einen Schnappschuss von Brandstifters Arbeiten bis 2003. Seine Hauptseite finden Sie auf www.brand-stiftung.net

 



Der Mann aus Marburg

(von Europenner)

Wenn ich ihn beschreiben müsste, käme ich ganz schön in Schwierigkeiten. Ich habe ihn nur kurz, aus dem Augenwinkel gesehen. Auf Parkdeck 4 dieses Parkhauses. Er verstaute ein paar Sachen im Kofferraum seines Autos. KassenzettelDass er vermutlich aus Marburg kommt, entnahm ich dem Nummernschild. "Er war groß," würde ich einem imaginären Kriminalisten zu Protokoll geben. Mindestens 1,80, vielleicht 40 oder noch ein paar Jahre älter. Dunkle Haare, dunkle Kleidung, vielleicht trug er ein helles Hemd. Er hat seine Einkäufe im Auto verstaut. Das Auto? Ein Lancia? Dunkelblau vielleicht? Groß war es! Kein Kombi. Verstaute er wirklich nur Einkäufe? Er hatte einen Einkaufswagen, soweit ich mich erinnere. Könnte es nicht auch etwas Sperriges gewesen sein? Ein zusammengerollter Teppich zum Beispiel? Ich käme ins Schwitzen, wäre verunsichert, würde behaupten "so genau habe ich nicht hingeschaut". "Aber man bemerkt doch, ob jemand einen gerollten Teppich ins Auto wuchtet, oder ob er nur ein paar Plastiktüten voller Kleinigkeiten in den Kofferraum stellt ... versuchern Sie sich zu erinnern, es ist wichtig", würde der Kriminalist kontern. "Es war ein sonniger Tag. Ich saß im Schatten, und habe alles nur im Gegenlicht beobachtet. Nein, ich bin ziemlich sicher, es waren nur die paar Kleinigkeiten! Er verstaute sie im Kofferraum. Dann hat er den Einkaufswagen zurückgebracht, und soweit ich mich erinnere, ist er nochmal kurz verschwunden. Womöglich zum Parkscheinautomaten, um zu bezahlen". "Sein Gesicht? Wie sah er aus? Trug er einen Bart? Eine Brille, hatte er Narben, hinkte er?" "Nada - überhaupt nichts bemerkt, das heißt, Moment bitte, ich glaube er war parfümiert oder frisch rasiert. Ein besonderer Duft erfüllte das Parkdeck. Außerdem habe ich einen Einkaufszettel gefunden. Vermutlich von ihm. Hier nebenan ist der Bon abgebildet. Sie sehen ja, ist ´ne lange Liste". "Wie kommen sie darauf, dass es sich um seinen Bon handelt? Hier parken doch noch mehr Leute." Ach wissen Sie, hier oben auf Deck 4 parkt selten jemand. Und wegen der Kunstausstellung wurde das Parkdeck vor kurzem gereinigt. Außerdem würde der Wind jedes Stück Papier in kürzester Zeit hinunter in die Stadt blasen." Wann haben Sie den Bon gefunden?" "Am Montag, den 14. Mai 2001, etwa 19 Uhr". "Woher wissen Sie das so genau?" "Nun, ich habe die Ausstellung betreut. Sie schließt um 19 Uhr. Kurz bevor ich den Bon fand habe ich auf die Kirchturmuhr geschaut. Es war genau fünf nach sieben." "Und wieso haben sie den Zettel aufgehoben?" "Ich wollte ihn in die Asphalt Bibliotheque integrieren. Das ist eine Konzeptkunstaktion meines Freundes Brandstifter. Sie werden nicht glauben, was solche Fundzettel alles aussagen über den, der sie verliert. Schauen sie mal genauer: ganz unten steht das Datum, der 14.05.01 und sogar die Uhrzeit, 18 Uhr 53. Oben finden sie die Adresse des Supermarktes - das ist der Laden im Erdgeschoss drüben in der Passage. Und nun betrachten sie die Liste: Super Dickmann 9er, Textilien für 25,90 DM, Bananen, Natreen-Produkte und die meisten Posten sind Hundenahrung. Was sagt uns das, Herr Kriminalist?" "Nun, äh, also der Käufer oder die Käuferin hat einen Hund, ist Diabetiker und hat sich Textilien für 25 Mark gekauft"." Genau! Und der Hund scheint etwas größer zu sein, ein Bernhardiner oder ein Schäferhund, sonst gäb´s keinen Riesenknochen. Der Käufer hatte Heißhunger auf Mohrenköpfe, womöglich also einen langen Heimweg. Und - paradox - vielleicht ist nicht er der Diabetiker, sondern ein Verwandter oder eine Verwandte, denn was sollte er sonst mit Mohrenköpfen anfangen." "Hmmm, ja, das scheint so zu sein. Aber wieso sind sie sich so sicher, dass es sich um einen Mann handelt?" "Mein Gott, die Tatsachen liegen doch auf der Hand: Unser Käufer ist niemand anderes als der Mann aus Marburg. Meine Beobachtungen ... der Einkaufszettel, die Uhrzeit, das alles passt zusammen. Und nun hören sie endlich auf mit ihrer hanebüchenen Geschichte, jemand habe einen schweren, zusammengerollten Teppich in den Kofferraum seines Autos gewuchtet. Unser Mann hat ein hieb- und stichfestes Alibi!"

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